Uckermark sucht ihre digitale Identität

  • Wunsch nach Netzwerken in der ländlichen Region

  • Kreativwirtschaft sucht Plattformen für Austausch

Die Uckermark im Nordosten Deutschlands verfügt nur über wenige Exportartikel. Apfelprodukte in allen Darreichungsformen. Kunst und Kunsthandwerk. Das war’s. Jetzt sucht die besonders bei Berlinern beliebte Erholungsregion ihre digitale Identität.

Ein neues Projekt hat sich zur Aufgabe gemacht, innovative und vor allem digital unterstützte Wertschöpfungsmodelle zu entwickeln. Es soll – gefördert von den Wirtschaftsministerien von Bund und Land – genau solche Ressourcen heben.

Bei einem Workshop in einem Gasthof in Boitzenburg trat schnell eine Erkenntnis zu Tage: Neben der Entdeckung neuer Wertschöpfungsmodelle ist der Wunsch nach Netzwerken zentral – eine Voraussetzung für Kommunikation.

Digitaler Marktplatz für Erfolgsstorys

Die Teilnehmer wünschen sich Plattformen für den Austausch, die den regionalen Dialog ermöglichen sowie Kommunikations- und Wissensdefizite beheben. Auf ihnen kann es um Transfer von Knowhow über die regionale Infrastruktur gehen, hieß es im Workshop. Wünschenswert wäre ein digitaler Marktplatz für Ideen und Erfolgsstorys. Denkbar sind auch Angebote von Online-Workshops bis hin zu Coworking Spaces auf dem Land als Orte des Wissens- und Erfahrungsaustauschs.

Teilnehmer schlugen  Ideenbörsen an zentralen Orten wie der Station des fahrenden Bäckers vor. Dort könnte es einen öffentlichen Raum geben, an dem Austausch möglich wird. Und so schließt sich der Kreis zwischen dem Analogen und dem Digitalen. Ansprechpartner und Netzwerker werden gewünscht – als Wissensbörsen. Wünschenswert wären auch eine Art Yellow Pages, damit die Community erfährt, wer was macht.

Die Beteiligten setzen hier eher auf Eigendynamik. Denn das Vertrauen in die öffentliche Verwaltung ist niedrig und das Angebot der vorhandenen Medien dürftig. Zielgruppe für solche Angebote sind die Pendler aus Berlin, die Häuser auf dem Land besitzen, für die der Begriff der „urbanen Teilzeit-Migranten“ geschaffen wurde, aber auch Einheimische.

Digitale Assistenten für medizinische Versorgung

Einer, der die Chancen des Digitalen für den ländlichen Raum erkannt hat, ist Professor Kurt Schmailzl. Der Chefarzt der Kardiologie an den Ruppiner Kliniken treibt das Projekt „Digilog“ voran. „Die Technik kommt zum Patienten und der Patient kommt nur dann zum Arzt, wenn er ihn braucht“, beschreibt er sein Konzept. Für die alternde Bevölkerung der ländlichen Region, wo Ärzte fehlen, soll nach dieser Regel analog und digital begleitet werden.

Zusammen mit Start-ups wurden ein EKG-Sensor entwickelt, der kabellos Herzschläge aufzeichnet, oder ein Messgerät, das den Blutdruck mit einem Sensor im Ohr misst. Die Werte werden bei beiden Geräten per Bluetooth an ein Smartphone und von dort auf einen sicheren Datenspeicher übertragen, auf den der Arzt in der Sprechstunde zugreifen kann.

„Der Patient bleibt Herr seiner Daten“, versichert Schmailzl und betont, dass die Server bei Microsoft in Deutschland stünden und damit deutschem Datenrecht unterliegen. Tragisch nur, dass solche Innovationen wegen regulatorischer Hürden im Ausland erprobt werden müssen.

Ökodorf setzt auf perönlichen Kontakt

Zaghafter wagt sich dagegen das Ökodorf Brodowin in die digitale Welt, das nach den Prinzipien der Demeter-Landwirtschaft arbeitet. Ein Onlineshop umfasst 2000 Artikel aus eigener Herstellung, die Kuriere an die Haustüren von 2000 Kunden liefern.

Geschäftsführer Ludolf von Maltzan nennt den Diolog mit Kunden wichtig. 70.000 Besucher kommen jedes Jahr auf den Hof. Den Newsletter beziehen 30.000 Interessenten, 10.000 sind mit den Ökobauern per Facebook verbunden.

Viel mehr Digitalisierung ist da aber nicht: Ludolf von Maltzan sieht Potenziale eher in der realen Welt. So entsteht gerade ein Schulungszentrum, das die Inhalte des ökologischen Landbaus vermitteln will. Ein Hofladen und die eigene Gastronomie liefern ebenfalls Verbraucher-Feedback.

Dass der Service und die Schnelligkeit von Amazon inzwischen die Messlatte auch für den Erfolg beim Handel mit Regionalprodukten ist, berichtet Pieter Wolters von der Regionalhandelsgesellschaft Q-Regio, deren Portfolio 1000 Produkte von 75 Händlern aus Brandenburg umfasst. Ihm ist aber auch wichtig, dass die Verbraucher die Erzeuger kennen.

So unterschiedlich die Ansätze auch sind: Es scheint einen Bedarf für neue Plattformen und Netzwerke zu geben. Sie könnten die Basis für eine nachhaltigere Kommunikation sein.

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